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Interdisziplinarität? Erkenntnisse der Technikphilosophie – Argumente für einen Kulturwandel?

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Philipp Marquardt

Zusammenfassung

2 Leave a comment on Absatz 2 0 Aus einer philosophischen Perspektive werden in diesem Artikel kurze Überlegungen zum Thema der Interdisziplinarität dargestellt. Daraufhin werden technikphilosophische Gedanken aufgezeigt, die eine Aufwertung der Technik leisten können und diese nicht mehr als nur Werkzeug oder angewandte Wissenschaft darstellen. Im Gegenteil: Sie ändern die Perspektive und unterstellen den Wissenschaften einen technischen Ursprung. Es wird aufgezeigt, wie die zeitgenössische (hermeneutisch-phänomenologische) Technikphilosophie die Technik in erstaunlich hohem Maße würdigt und neu verortet. Auch werden typische kultur- und technikkritische Muster entlarvt. Diese metadisziplinären Gedankengänge sollen einen Kulturwandel zu einem reflektierteren, der Historie bewussten Verständnis von Technik anregen und damit Hilfestellungen für (akademische) Technologie-Evangelisten geben, die Modernisierungs- und damit Veränderungsprozesse durchführen müssen oder wollen. So kann Ängsten und fundamentalen Abwehrhaltungen gegenüber der Technik argumentativ und rhetorisch gewandt begegnet werden. Digitale Medien können nicht mehr aufgehalten werden, daher sollte in der Bildung nicht versucht werden diesem (internationalen) Trend entgegenzuwirken. SchülerInnen und Studierende verlangen zeitgemäße Formen der Bildungsvermittlung.

1     Interdisziplinarität

3 Leave a comment on Absatz 3 2 Werden digitale Medien bzw. wird E-Learning im Kontext der Wissenschaft genannt, drängt sich der Begriff Interdisziplinarität unweigerlich auf und es besteht Unklarheit oder Konsenslosigkeit, was darunter zu verstehen sei, wie sich auch an gängigen Artikeln zum Thema ablesen lässt (vgl. Schön & Ebner, 2013; Wessner & Keil, 2012). Die Gründe dafür sind vielfältig, seien es Fachtraditionen, universitäre Strukturen oder die oft prekäre, da noch heimatlose, Lage von Innovationen.

4 Leave a comment on Absatz 4 0 Im Sinne der Systemtheorie Luhmanns streben Systeme, z.B. in ihren Fachtraditionen, nach Selbsterhalt. Diese theoretisch-ideologische Leistung manifestiert sich letztlich praktisch in akademischen Strukturen. Dies erschwert Interdisziplinarität. Schon durch den Begriff inter (lat. zwischen) wird ein Raum postuliert, der die Trennung der Disziplinen hypostasiert. So aufgefasst, ist Interdisziplinarität ein Zwischenraum, der im besten Fall die Schnittmenge zweier Disziplinen umschließt und im häufigen Fall nur einige Punkte der Disziplinen verbindet[1], die einer Disziplin oder auch mehreren einen reziproken (theoretischen oder praktischen) Nutzen verspricht. So unterscheidet sich gelebte Interdisziplinarität meist nicht von synkretischer Multidisziplinarität. Die Probleme der Interdisziplinarität sind schon in der im Begriff enthaltenen Verlegenheit programmiert.

5 Leave a comment on Absatz 5 3 Vollkommen unterschiedliche Wissenschaftstraditionen zu vereinen, ist eine Anforderung an digitale Medien respektive das E-Learning, welche diese so unmöglich erfüllen können. Vielleicht aber kann dies mit einer wissenschaftstheoretischen, philosophischen Sichtweise auf einer metadisziplinären Ebene gelingen.[2] Die benachbarten Disziplinen Informatik und Ingenieurswissenschaften respektive die Technik unterscheiden sich in ihren realen Ausprägungen nicht nur untereinander in ihren Methoden und ihren erkenntnistheoretischen Grundannahmen, sondern vielmehr auch fundamental von empirischen Wissenschaften und den Geisteswissenschaften, die wiederum disjunkt sind. Mit den Theorien der zeitgenössischen Technikphilosophie können die Probleme der Interdisziplinarität möglicherweise von vermeintlich theoretischen auf praktische reduziert werden.

6 Leave a comment on Absatz 6 0 Denn nur mit den intradisziplinär und isoliert angewandten Methoden und epistemologischen Grundannahmen der Informatik, der empirischen Wissenschaften oder den Geisteswissenschaften kann es kaum Fortschritt zum Thema geben. Die besondere Stellung der Technik, philosophisch-metadisziplinär betrachtet, dies sei die These dieses Artikels, kann zunächst theoretisch und daraus folgend möglicherweise auch praktisch zu neuen wissenschaftlichen Formen führen.  

7 Leave a comment on Absatz 7 0 Technik und Informatik sind keine Naturwissenschaften. Auch sind empirische Methoden, wie sie die Sozialwissenschaften, Psychologie oder die Pädagogik (neuerdings) betreiben, mit ihnen inkompatibel. So scheint eine Schwierigkeit der Interdisziplinarität auch darin zu liegen, dass versucht wird diese nur mit den Methoden positiver Wissenschaften herzustellen, weil diese zunehmend das Prädikat der Wissenschaftlichkeit für sich monopolisieren. Die Rhetorik der wissenschaftlichen Wahrheit, die in postmodernen Zeiten kaum noch verwendet wird, scheint ersetzt durch die Rhetorik der empirischen Realität. Die Rhetorik der Messbarkeit, des Messens der empirischen Realität, kann man, technikphilosophisch gedacht, nicht als eine Notwendigkeit zur Verleihung des Prädikats wissenschaftlich ansehen, sondern nur zur pragmatischen Rechtfertigung der Effizienz.

8 Leave a comment on Absatz 8 0 Es muss sich die Informatik also nicht unbedingt, wie Wessner und Keil fordern, den empirischen Validierungsmethoden der empirischen Wissenschaften anpassen, weil es „keine theoretisch fundierten Modelle“ gibt, um im Sinne der Interdisziplinarität „anschlussfähig“ zu bleiben und nicht abgehängt zu werden (Wessner & Keil, 2012, S. 4), sondern im Gegenteil könnten die empirischen Wissenschaften die besondere Stellung der Technik respektieren. Mit den learning analytics gibt es beispielsweise schon genuin neue Formen der empirischen Messbarkeit von Effizienz (NMC Horizon Report, 2014, S. 51ff.). Schön und Ebner argumentieren im technikaffinen Sinne exemplarisch, dass technologie_getriebene Bildungsformate nicht nur eine „Sonderform des Lernens“ sind, sondern „völlig neue, innovative Verfahren“ ermöglichen (Schön & Ebner, 2013).

2     Technik und Wissenschaft

9 Leave a comment on Absatz 9 0 So soll zunächst aus philosophischer Warte betrachtet werden, welche genuine Provenienz die Technik besitzt.

10 Leave a comment on Absatz 10 0 Möglicherweise können diese Erkenntnisse einen kulturellen Wandel und stärkere Formen der Interdisziplinarität respektive Transdisziplinarität bewirken oder die bestehenden Verständigungs- und Methodenprobleme von interdisziplinärer Wissenschaft verringern.

11 Leave a comment on Absatz 11 0 Technik bedeutet im etymologischen Ursprung unter anderem: Kunst (téchne, _____). Das mag zunächst erstaunen, doch bedeutet dies schließlich nicht, dass Technik Kunst im Sinne der l’art pour l’art-Ästhetik wäre. Denn diese darf nicht nützlich sein und ist metaphysisch, quasi-religiös überhöht.[3] Die Technik aber ist die Kunst, in Abgrenzung zur Natur, die nützlich ist und sein darf.

12 Leave a comment on Absatz 12 0 Kunst und Technik nähern sich also wieder an – so wie im altgriechischen Begriff ursprünglich schon angelegt. Dazu mag auch die technologieaffine Kunst seit der Postmoderne als Anzeichen gelten. Ähnlich kann dies auch für digitale Medien zutreffen, wenn sie nicht nur als etwas Altbekanntes in einer neueren Form angesehen werden.

13 Leave a comment on Absatz 13 0 Eine andere Bedeutung von téchne ist die List (Blättler, 2013, S. 271). So kann beispielsweise mit listiger Technik die Natur überwunden oder Mitmenschen können getäuscht werden.

14 Leave a comment on Absatz 14 0 Dass die Vorstellung, Technik sei angewandte Wissenschaft, irreführend und pejorativ ist, zeigt der Artikel „Lebenswelt und Mathematisierung“ von Ralf Becker aus der Zeitschrift für Kulturphilosophie, der die These vertritt, dass „Wissenschaft modellgeleitetes Erklären“ (Becker, 2013, S. 235) ist und dass das Modell, nach dem erklärt wird, bereits bekannt ist. So wie beispielsweise Darwin das Modell der natürlichen Selektion an der schon lange kulturtechnisch angewandten Domestikation entwickelte (Becker, 2013, S. 235). Wissenschaft verläuft nach dieser Ansicht, die an die aristotelische Physik angelehnt ist, unumkehrbar induktiv (Becker, 2013, S. 236). Sogar für die Mathematik selbst kann man einen technischen Ursprung geltend machen, wie Becker darstellt. Die Ursprünge der Mathematik liegen in der antiken Messkunst (und wohl auch der Rechenkunst).

15 Leave a comment on Absatz 15 0 Die Idealisierung bzw. Abstraktion der Messkunst wurde dann später wiederum auf die Natur projiziert, so als wäre Mathematik in der Natur: „Der Übergang der Idealisierung vollzieht sich daher vom Reich der Körper, in dem ein konkretes Objekt Maß für beliebige andere konkrete Objekte sein kann, zum Reich der Formen, in dem abstrakte Gestalten sich selbst genügen“ (Becker, 2013, S. 241). Nach dieser Abstraktionsleistung tritt aber möglicherweise eine Verselbständigung des Erdachten ein: Die Entstehung und Geschichte der Abstraktion wird vergessen oder aus pragmatischen Gründen nicht mehr genannt oder gelehrt. Was daraufhin stattfindet ist Folgendes:

16 Leave a comment on Absatz 16 0 „Der nächste Schritt nach der Idealisierung der Maße in der Geometrie ist die Anwendung ihrer Formen und Gesetze auf die empirische Wirklichkeit, indem beispielsweise der Erdumfang mit Hilfe der Mathematik des Kreises bestimmt wird“ (Becker, 2013, S. 241).

17 Leave a comment on Absatz 17 0 So wird etwas, was aus einer geistigen Abstraktionsleistung gewonnen wurde, wieder in die Natur hineinprojiziert, um daraufhin in dieser als Natur gefunden und entdeckt zu werden:

18 Leave a comment on Absatz 18 0 „Die abstrakten Gestalten verlieren ihren Status als Idealitäten und werden zum Prinzip der empirischen Wirklichkeit selbst. Nicht der reale Körper ist eine Annäherung an das irreale Maß, sondern die Messung ist eine technisch unvollkommene Annäherung an die reale Gestalt“ (Becker, 2013, S. 242). So werden die Ursprünge und Abhängigkeiten neu justiert und der Mathematik wird ein technischer Ursprung unterstellt:

19 Leave a comment on Absatz 19 0 „Die mathematisch idealisierte Natur ist jedoch nichts anderes als die theoretisch naturalisierte Idealität jener Limesgestalten der praktischen Messtechnik. Die wissenschaftliche Theorie gründet in einer technischen Praxis“ (Becker, 2013, S. 243).

20 Leave a comment on Absatz 20 0 Diese Ansicht wird zudem noch von den Mathematikern Hilbert und Husserl selbst vertreten, die den technischen Charakter der Mathematik betonten (Becker, 2013, S. 243).

21 Leave a comment on Absatz 21 0 Dass ein wesentlicher Teil der Informatik ein mathematischer ist, sollte unstrittig sein. Im Begriff Informatik ist aber auch der Begriff Information enthalten. Für die Entstehung des technischen Begriffs von Information lässt sich wiederum ein technischer Ursprung geltend machen:

22 Leave a comment on Absatz 22 0 „Der Informationsbegriff markiert den aktuellen Stand der Mathematisierung; an ihm lässt sich gut der Übergang von der Praxis zur Theorie und zurück studieren. Zu praktischen Zwecken der Nachrichtentechnik im Zweiten Weltkrieg entwickelt, hat man ihn sogleich zur Grundlage einer mathematischen Theorie der Kommunikation promoviert“ (Becker, 2013, S. 245).

23 Leave a comment on Absatz 23 0 Wie schon weiter oben für die Messkunst dargestellt, wird auch der abstrakte Begriff oder die Idee Information naturalisiert und aus der Natur abgelesen: „Plötzlich ist auch in der Natur Information – als Erbinformation in den Genen oder als neuronale Informationsverarbeitung in Gehirnen“ (Becker, 2013, S. 245).

24 Leave a comment on Absatz 24 0 Becker wendet sich somit gegen die Naturalisierung von Information mit dem Argument, dass die Ursprünge und die Historie der Begriffsentstehung vergessen oder verschleiert werden. Doch was ist nun Information? Wohl auch eine geistige, abstrakte Idee, die ähnlich zur Metapher von der „Lesbarkeit der Welt“  (Blumenberg, 1979) begriffen werden kann, die die Welt für den Menschen verständlich, eben lesbar, macht. Die Reduktion der Sprache auf ihre minimalste Verständigungsbedingung kann dann Information genannt werden. 

25 Leave a comment on Absatz 25 0 Die beiden Kernelemente der Informatik, Mathematik und Information, können also technischen Ursprungs aufgefasst werden, so wie die Entstehung der Informatik symbiotisch mit technischen Gerätschaften wie binären Schaltern, digitalen Schaltkreisen, bis zu hochintegrierten Mikroprozessoren, einherging. Im Bereich der Informatik und damit auch der digitalen Medien sollte man somit die Entstehungsbedingungen und die spezifischen Phänomene des Technischen stets mitbedenken.

3     Technikphilosophie und Technikkritik

26 Leave a comment on Absatz 26 0 Technikfeindlichkeit und -skepsis können die Ursache dafür sein, dass für den Einsatz von neuen Technologien ein Kulturwandel „neue Denkweisen“ (NMC Horizon Report, 2014, S. 27, 42) als notwendig angesehen wird. Technik_philosophisch lassen sich viele dieser Ressentiments und Ängste entkräften. Folgende Arten jener seien kurz aufgezählt: Naturromantik, Entfremdungsängste, Widerstand gegen das Erlernen streng logischer Abläufe, Technikvergessenheit, Ängste vor Kontrollverlusten, etc.

27 Leave a comment on Absatz 27 0 Technik (und damit digitale Medien) ist mehr als nur ein Werkzeug, was zu der überspitzten Formulierung McLuhans „the medium ist the message“ (McLuhan, 1967) führte. Ist das medium heute noch die message? Diese Ansicht ist wohl berauscht von den neuen Möglichkeiten der Technik, wie sie in den 1960er Jahren emphatisch begrüßt wurden, entstanden und damit etwas übersteigert, da dadurch das Medium an sich ins Zentrum gestellt wird. Überzeugender und zeitgemäßer ist vielleicht die Ansicht, das medium und message in vielen Fällen eine unzertrennliche Symbiose eingehen.

28 Leave a comment on Absatz 28 0 Eine durchweg positive Würdigung der Technik würde man (stereotyp gedacht) von einer Geisteswissenschaft, insbesondere der Philosophie, sicher nicht erwarten, da im deutschsprachigen Raum Technikkritik und Kulturpessimismus in geisteswissenschaftlichen Kreisen Tradition zu haben scheinen.

29 Leave a comment on Absatz 29 0 Dabei können die Geisteswissenschaften an einem Neo-Enzyklopädismus mitwirken und gigantische digitalisierte Bibliotheken von künstlicher Intelligenz durchsuchen lassen, die dazu beitragen könnte, Werke auch inhaltlich zu analysieren und zusammenzufassen. Wie viel mehr Zeit hätte der Philosoph Hans Blumenberg zum Denken gehabt, hätte er statt eines Karteikastens mit tausenden Karten ein Hypertext-System genutzt? ‚Das Digitale‘ ist dem „Geist“ der Geisteswissenschaften angemessen – es existiert immateriell und ist perfekt im Sinne der Reproduzierbarkeit, es ist „ideal“ – es benötigt keinen Träger, kein Medium. (Natürlich benötigt es Speichermedien. Diese haben aber keinen Einfluss auf die Information. Das Medium ‚scheint‘ nicht mehr durch, wie z.B. eine Leinwand.)

30 Leave a comment on Absatz 30 0 Dass gerade im deutschsprachigen Raum Technikfeindlichkeit verbreitet ist, mag beispielsweise auch dem Umstand geschuldet sein, dass nach dem Zweiten Weltkrieg ein „Entschuldungsdiskurs“ (Blättler, 2013, S. 279) mit der Verlagerung von Schuld auf die verselbständigte Technik, die ‚Tötungsmaschinerie‘, geführt wurde.

31 Leave a comment on Absatz 31 0 Es ist aber vor allem Hans Blumenberg zu verdanken, dass die Technik in der Technik- und Kulturphilosophie positiv gedacht wird. Blumenberg kritisiert nicht die Technik, sondern eine Überformung der Welt durch die positiven Wissenschaften „qua Geometrisierung, Arithmetisierung und Algebraisierung“ (Hubig, 2013, S. 261).

32 Leave a comment on Absatz 32 0 Ralf Becker stellt fest, dass die Mathematisierung der Humanwissenschaften, wie von Claude Lévi-Strauss als Mathematik vom Menschen (Becker, 2013, S. 249) schon 1954 gefordert, tatsächlich stattfand.

33 Leave a comment on Absatz 33 0 Die damit verbundene Entsubjektivierung und Technomorphisierung des Menschen ist durchaus kritisch zu bewerten und mag Ängste vor einer weiteren Technisierung des menschlichen Lebens oder der Lebenswelt, als dem Universum der Selbstverständlichkeiten (Becker, 2013, S. 251), schüren.

34 Leave a comment on Absatz 34 0 Warum konnte es aber überhaupt so weit kommen? Technisch wird ein Ziel erreicht, indem man vom Ziel „zugunsten der Mittel seiner Herbeiführung absieht“ (Becker, 2013, S. 253). Es scheint somit kein theoretisches Problem der Technik an sich vorzuliegen, denn Beckers Argument ist ein psychologisches: „Es liegt offenbar weniger in der Natur der Technik als in unserer menschlichen Neigung zum Übertreiben, dass die Entsagung zum Selbstzweck wird“ (Becker, 2013, S. 253). Die Gründe für diese Tendenzen zur Entsagung könnten jedoch noch weiter erforscht werden. Die Technik ist also letztlich eine Technik des Menschen und für dessen Zwecke und Ziele erdacht; dies sollte immer wieder realisiert werden. Anthropologisch ließe sich dies mit Arnold Gehlen begründen, „da der Mensch als Mängelwesen“ (Gehlen, 1940) nicht ohne Technik überleben kann. So ist nach Becker Besinnung als retardierendes Moment nötig, damit nicht jeder Zeitgewinn, der durch Technik entsteht, wieder durch diese kassiert wird (Becker, 2013, S. 253). Kultur, zu der Technik definitiv gehört, ist (und darf es sein) ein Umwegphänomen (Konersmann, 2010, S. 123ff).

35 Leave a comment on Absatz 35 0 Technikphilosophische Gedanken leisten dieses Gewahrwerden ohne in pauschale anachronistische Technikfeindlichkeit oder Naturromantik[4] zu münden. Fundamentale Technikfeindlichkeit oder eine „Dämonisierung der Technik“ (Recki, 2013, S. 289) ginge einher mit Kulturfeindlichkeit. Eine solche Kritik wäre kannibalisierend und selbstwidersprüchlich, denn: „Wir leben in einer auf Wissenschaft und ihre Technik gegründeten kulturellen Welt“ (Recki, 2013, S. 287).

36 Leave a comment on Absatz 36 0 Auch leichtere Formen des Ressentiments identifiziert Birgit Recki im Artikel „Technik als Kultur“ (Recki, 2013). So werden beispielsweise kulturelle Werke hoch geschätzt, aber ihr technischer Anteil hingegen solle nicht mehr sichtbar sein, so wie, marxistisch gedacht, die Arbeit in der Ware (Recki, 2013, S. 292).  Ein weiteres Beispiel des Ressentiments gegen Technik ist die Schizophrenie, die in der selbstverständlichen Nutzung technischer Errungenschaften einerseits liegt und andererseits diese leichtfertig als entfremdend zu diffamieren, (Recki, 2013, S. 290). Oder sie werden in den „Diskurs einer relativierenden Dialektik der Abwertung eingebracht, mit der man sich rhetorisch eine Distanz bewahrt, die man faktisch längst nicht mehr realisiert“ (Recki, 2013, S. 290).  Auch wird Alltagstechnik als Sachzwang (Recki, 2013, S. 288)  erfahren, während die positiven Erleichterungen ausgeblendet werden. Die Anstrengung technischer Initiationsrituale wird schmerzlich erfahren, so „als ob wir noch im Zeitalter des Mythos lebten“ (Recki, 2013, S. 288). Nach Recki ist nur unter einer Technikvergessenheit fundamentale Technikkritik möglich, die die Notwendigkeit der Technik für den Menschen vergisst und fälschlicherweise „die Technik als einen objektivierten Bereich vor […] und gegenüber“ stellt (Recki, 2013, S. 292).

37 Leave a comment on Absatz 37 0 Recki weitet die Bedeutung des Begriffs Technik zudem mit Blumenberg fundamental, als verselbständigte Methode, aus und postuliert Technisierung als anthropologische Eigenschaft des menschlichen Bewusstseins:

38 Leave a comment on Absatz 38 0 „Der menschliche Intellekt hat nach Blumenberg in der Begriffsbildung eine intrinsische Tendenz zur Technisierung, so dass deren Einschätzung als pathologisch, ja sogar schon als vermeidbar ihren elementaren Status verfehlte“ (Recki, 2013, S. 296-297).  Damit wird fundamentale Technikrepugnanz theoretisch unmöglich und Technisierung alternativlos (Recki, 2013, S. 296-297). So ergibt sich auch ein theoretischer Nexus zwischen Hochtechnologie mit den Techniken der Sprache und des Denkens über „die methodisch formalisierten und organisierten Verfahren der Problembewältigung durch instrumentelle Arrangements in einem jeweiligen Arbeitsbereich, was wir im einen wie im anderen Fall als Technik bezeichnen“ (Recki, 2013, S. 298). Das auch dieser sehr weite und historische, anthropologische Begriff von Technik einen Nexus zur heutigen Technologie besitzt, zeigt sich in folgendem Zitat: „Erst dieser Begriff von Technik vermittelt überhaupt eine Ahnung von ihrem elementaren Status – einer Unhintergehbarkeit, die nicht in irgendeinem »Sündenfall« beim Übergang vom Werkzeug zur Maschine oder von der Mechanisierung zur elektronischen Vernetzung begründet ist – die vielmehr in etwas liegt, das man durchaus als menschliche Natur ansprechen darf“ (Recki, 2013, S. 299). Der Mensch, zumindest der homo sapiens, ist folglich ein technisches Wesen, ein homo faber, sofern er ein kulturelles Wesen ist. Kultur und Technik bedingen einander: Technik ist eine Form und Bedingung von Freiheit und eben nicht der Versklavung des Menschen (Recki, 2013, S. 299). Als Unfreiheit erscheint Technik, wenn sie nicht explizit von ihren Nutzern erwünscht oder von diesen selbst eingerichtet wird. Die Zeit- und Arbeitsersparnis, die technische Errungenschaften bereiten, ermöglichen, wenn man Technik als Freiheit begreift, Kultur und entlasten vom Überlebenskampf in einer unkultivierten Natur. Die kulturelle Leistung der Technik ist es, Möglichkeiten zu verwirklichen und Neues zu schaffen (Recki, 2013, S. 303). Mit Ernst Cassirers Philosophie der Symbolischen Formen argumentiert Recki, dass der Mensch als Techniker, der den Vergleich mit einem göttlichen, Welt formenden Demiurgen nicht scheuen muss, der „der Mensch in allen seinen produktiven Tätigkeiten“ (Recki, 2013, S. 303) ist. Da Technik auch die Bedeutung der List trägt, kann ein Unbehagen an der Technik auch aus der Angst vor der List der Technik bestehen. Dies in zweierlei Weise: So kann die List des prometheisch Technikanwendenden gefürchtet werden, aber auch die List der zum Subjekt stilisierten verselbständigten Technik, die den Menschen beherrscht (Blättler, 2013,  S. 273). Angst vor der „List der Technik“ in diesem Sinne ist die Angst vor dem Machtgefälle, das der Technikanwender zu den Unverständigen mit der List der Technik besitzt. Ein zeitgenössischer wissenschaftlicher Trend Technikfeindlichkeit zu vermeiden, findet sich in den Science and Technology Studies. Diese sind, Christine Blättler folgend, jedoch nicht geeignet Technikfeindlichkeit tiefgründig zu entkräften, da sie keine qualitativen Unterschiede zwischen verschiedenen Technologien machen und diese zudem auf Werkzeugbegrifflichkeiten reduzieren (Blättler, 2013, S. 274-276). 

4     Fazit

39 Leave a comment on Absatz 39 0 Diese Argumentationen sollen letztlich nicht dazu dienen, jede Wissenschaft im Begriff Technik aufzulösen oder den vielfältigen, spezifischen Aus_differenzierungen von Wissenschaften zu widersprechen. Sie sollen aber jeglicher „instrumentalistische[n] Verkürzung“ (Hubig, 2013, S. 255) der Technik und der kaum haltbaren Ansicht, die Technik sei nur angewandte Naturwissenschaft oder hätte einen subordinierten Standpunkt, vehement widersprechen. Insbesondere für die Informatik, auch in Form der angewandten, technischen Informatik (mit der neue Medien erst entstehen konnten und die im hohen Maße eine technische Signatur tragen) können diese Ansichten aufwertend sein. Die Provenienz der Wissenschaften ist ursprünglich (auch) eine technische. Wenn Bildung im emphatischen, humanistischen Sinne das Ziel ist, das mit der Unterstützung von Technik besser (z.B. schneller, selbstmotivierter, für eine größere Zielgruppe als ‚Demokratisierung der Mittel‘, nachhaltiger, genauer (exakte Fakten oder ähnliches) erreicht werden kann, treten die Probleme, die die Interdisziplinisierung mit sich bringt, z.B. in Form von Messbarkeit von Einzelmaßnahmen oder methodischen Differenzen, als praktische, weniger theoretische, auf. Genuine Transdisziplinarität wird somit weniger aus wissenschaftlichen, methodischen Gründen verhindert als aufgrund von Ressentiments, z.B. der Geringschätzung technischer Disziplinen oder von akademischen Wagenburgmentalitäten.

40 Leave a comment on Absatz 40 0 Neben den genannten theoretischen Problemen und denen aus und in der Praxis kann in Bezug auf digitale Medien, digitale Bildung, auch ein pragmatistisch, ökonomistisch verkürztes Verständnis von Technik ursächlich sein. Technik kann nicht reduktionistisch als Werkzeug aufgefasst werden. Technik sollte aber, wenn sie essentialistisch hermeneutisch betrachtet wird, nicht dämonisiert werden. Denn hinter einer Dämonisierung sind wahrscheinlich Bedürfnisse nach metaphysischer, religiöser Geborgenheit versteckt. Naturromantik oder die Vorstellung, dass der erreichte Status quo der Moderne nicht weiter überschritten werden sollte, sind ahistorisch. Kritik an der Technisierung der Lebenswelt ist aber dann angebracht, wenn die Entsagung (s.o.) den Menschen aus dem Fokus rücken lässt, er sich also beginnt selbst zu verneinen.

41 Leave a comment on Absatz 41 0 Der Begriff des Technischen kann sehr weit gefasst werden, so dass er mit dem der Methode zu verschmelzen droht. Das ist für die Belange der Informationstechnik in der Wissenschaft vielleicht zu weit gefasst, wobei dies aber letztlich bedeutet, dass Technik dann essentiell sich nicht von anderen wissenschaftlichen Methoden unterscheidet. Christoph Hubig fordert eine devotio der Technik (Hubig, 2013, S. 264): Sie muss sich ihrer eigenen Technizität vergewissern und darf sich nicht naturalisieren, es ist so eine gewisse Authentizität gefragt. Ohne diese entstehen Dämonisierungen von Technik und Bedürfnisse nach einer Ursprünglichkeit. Die Technik sollte also bedacht mit ihrer Technizität umgehen und nicht immer dem Prinzip ars est celare artem[5] als einer List der Technik folgen. Mit der hier nur kurz und zusammenfassend dargestellten Historie des Technikbegriffs und den technikphilosophischen Argumenten sollte klar werden, dass Technikfeindlichkeit theoretisch zu entkräften ist und eine positive Würdigung der Technik unumgänglich ist. Probleme mit und an der Technik können auf rein praktische oder psychologische reduziert werden. Der Zeitgeist ist nicht aufhaltbar. Technik und Kultur sollten allerdings auch nicht als begrifflich austauschbar aufgefasst werden. Technik ist Teil der Kultur, digitale Medien ebenso wie Bücher. Digitale Medien und Technik haben seit den ersten Mikroprozessoren eine extrem schnelllebige Entwicklung und exponentielle Steigerung (Moore_s law) hinter sich. Sie sind daher nicht nur irgendeine Kulturtechnik. Ihre Anwendung sollte natürlich nicht bloß um ihrer selbst willen geschehen. Wie es aber scheint, werden in wenigen Jahren technische Grenzen erreicht, die keine weitere exponentielle Steigerung mehr ermöglichen, da die Halbleitertechnik an atomare physikalische Grenzen stößt. Spätestens dann werden digitale Technologien als selbstverständlich erachtet werden und die diffusen Ängste, das Unbehagen und die Unruhe, die unkalkulierbarer Fortschritt und Neues mit sich bringen, werden gelindert.

Literatur

Becker, R. (2013). Lebenswelt und Mathematisierung. Zeitschrift für Kulturphilosophie 2013/2: Technik, 235-253.
Benjamin, W. (1980). Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. In Gesammelte Schriften Band I, Teil 2 (S. 471–508). Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Blättler, C. (2013). Technik als Kultur. Zeitschrift für  Kulturphilosophie 2013/2: Technik, 271-285.
Blumenberg, H. (2013). Dogmatische und rationale Analyse von Motivationen des technischen Fortschritts. Zeitschrift für  Kulturphilosophie 2013/2: Technik, 235-253.
Blumenberg, H. (1979). Die Lesbarkeit der Welt. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Gehlen, A. (1940). Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. Berlin: Junker und Dünnhaupt.
Hubig, C. (2013). Technik und Lebenswelt. Zeitschrift für  Kulturphilosophie 2013/2: Technik, 255-269.
Konersmann, R. (2010). Kulturphilosophie zur Einführung. Hamburg: Junius.
McLuhan, M. (1967). The Medium is the massage. London: Penguin Books.
NMC – New Media Consortium. (2015). Horizon Report: Higher education. Online-Publikation:  http://cdn.nmc.org/media/2015-nmc-horizon-report-HE-EN.pdf
NMC – New Media Consortium. (2014). Horizon Report: Higher education. Online-Publikation: http://www.nmc.org/publication/nmc-horizon-report-2014-higher-education-edition/
Recki, B. (2013). Technik als Kultur. Zeitschrift für Kulturphilosophie 2013/2: Technik, 287-303.
Schön, S., & Ebner, M., (2013). Forschungszugänge und -methoden im interdisziplinären Feld des technologiegestützten Lernens. In: L3T Lehrbuch für Lernen und Lehren mit Technologien. http://l3t.eu/homepage/das-buch/ebook-2013/kapitel/o/ id/110/name/forschungszugaenge-und-methoden-im-interdisziplinaeren-feld-des-technologiegestuetzten-lernens
Wessner, M., & Keil, R., (2012). Interdisziplinarität als Herausforderung für die E-Learning-Forschung. i-com 1/2012, 3-6.


42 Leave a comment on Absatz 42 0 [1] Die dann auch nur Schnittstellen (interfaces) genannt werden können.

43 Leave a comment on Absatz 43 0 [2] [statt nur im Sinne des in den positiven Wissenschaften verwendeten kryptischen Neologismus Metakognition].

44 Leave a comment on Absatz 44 0 [3]       Wie Walter Benjamin in seinem Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ dargestellt hat.

45 Leave a comment on Absatz 45 0 [4]       Für die oft Jean-Jacques Rousseau, aber falsch verstanden, herangezogen wird. Denn Rousseau ist sich bewusst, dass es keinen Weg zurück zu einer Ursprünglichkeit mehr gibt.

46 Leave a comment on Absatz 46 0 [5]       Kunst ist, Kunsthaftigkeit zu verbergen.

Quelle:http://2015.gmw-online.de/024/?replytopara=46